Wildbirnen für artenreichen Mischwald
von C. Melis
Im Rahmen der Initiative Zukunftswald Bayern (IZW) führen die Fachstellen Waldnaturschutz Niederbayern und Oberpfalz und das Bayerische Amt für Waldgenetik derzeit ein Forschungsprojekt zur Wildbirne in unserer Region fort. Denn die Wildbirne ist hier beheimatet und bietet vielen Tieren eine Lebensgrundlage. Sie ist in ganz Mitteleuropa heimisch, doch sie ist selten geworden. Das Projekt soll helfen, dies zu ändern.
Frühlingstimmung an den Jurahängen
Bald beginnt sie wieder – die Blüte der Obstbäume, die bei uns Menschen Frühlingstimmung aufkommen lässt und Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und viele andere Insekten mit Pollen und Nektar versorgt. Nicht nur in Gärten und auf Streuobstwiesen entfaltet sie sich: in lichten Wäldern, an Waldrändern, in Hecken und auf Magerrasen wachsen mancherorts Wildobst-Arten, die ebenso zu unseren heimischen Wäldern gehören wie Buche, Eiche, Ahorn und Co. Die häufigste Wildobstart ist die Wald- oder Vogelkirsche (Prunus avium), doch bei uns im Oberpfälzer Jura kann man auch die seltenere Wildbirne (Pyrus pyraster) an vielen Stellen finden, sofern für diese eher kleinere Baumart genug Wärme und Licht vorhanden ist.
Wie die meisten anderen Wildobstarten und ihre Verwandten (z.B. Vogelbeere, Elsbeere und Mehlbeere) gehört auch die Wildbirne botanisch zur Familie der Rosengewächse. Mit ihren weißen Blüten, pektinreichen Früchten und ihren glänzenden Blättern bereichert sie die Baumartenvielfalt unserer Wälder und dient vielerlei Insekten, Vögeln und Kleinsäugern als Nahrung. Außerdem zählt die Wildbirne als Wärme liebende Baumart zu den Hoffnungsträgern für gesunde, stabile Mischwälder im Klimawandel, zumal sie auch gut mit Trockenheit zurechtkommt.
Schwer zu bestimmen: die Wildbirne
Zoombild vorhanden
Thomas Bauer und Tobias Schropp mit Wildbirnen-Steckholz © Judith Knitl
Allerdings wurden vielleicht schon seit der Jungsteinzeit, spätestens aber seit der Zeit des Römischen Reichs, Wildbirnen kultiviert und Kulturbirnensorten in Mitteleuropa eingeführt. In der Folge kreuzten sie sich mit den hier heimischen Wildbirnen und tun dies auch heute noch, vor allem, wenn sie nicht weit voneinander entfernt stehen. Außerdem können Birnbäume im Freiland auch aus Samen von Kulturbirnen entstanden sein. Deshalb ist bei wild wachsenden Birnbäumen meist nicht klar, ob es sich nun um eine echte Wildbirne, eine Mischform mit Kulturbirnen oder eine „verwilderte“ Kulturbirne handelt.
Die Wildbirne hat zwar tendenziell kleine runde statt birnenförmiger Früchte, kleine rundliche Blätter und oft viele Dornen, doch optisch lassen sich die beiden Birnenarten meist nicht eindeutig unterscheiden. Und da sie schon so schwierig zu identifizieren sind, ist es für Förster und Waldbesitzer auch nicht einfach, echte Wildbirnen als Jungpflanzen zu bekommen und sie gezielt im Waldbau einzusetzen.
Fachstellen Waldnaturschutz unterstützen die seltene Baumart
Die Fachstelle Waldnaturschutz Niederbayern (Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten – AELF – Landau an der Isar) möchte hier unterstützen: unter ihrer Regie läuft zusammen mit dem Amt für Waldgenetik und der Fachstelle Waldnaturschutz Oberpfalz (AELF Amberg-Neumarkt i.d.OPf.) ein Projekt zur Nachzucht genetisch möglichst reiner Wildbirnen. Neben einigen niederbayerischen Vorkommen wurden auch im Landkreis Regensburg in Abstimmung mit dem zuständigen AELF Regensburg-Schwandorf und den Grundeigentümern an zwei ausgewählten Standorten im Jahr 2023 Blattproben wild wachsender Birnbäume gewonnen und dann auf „Kulturbirnen-Anteile“ in ihrer genetischen Ausstattung untersucht. Das Ergebnis war sehr erfreulich: Der Anteil an Kulturbirne ist bei den beprobten Oberpfälzer Bäumen so gering, dass der Großteil das Prädikat „Wildbirne“ erhalten kann.
Fachstellen Waldnaturschutz unterstützen die seltene Baumart
Auch die genetische Vielfalt dieser Bäume wurde analysiert und das Ergebnis ist ebenfalls positiv: die Oberpfälzer Probebäume weisen eine hohe genetische Diversität auf. Beide Resultate lassen auf eine gute Anpassungsfähigkeit schließen; das ist im Klimawandel wichtig, da sich mit zunehmenden Temperaturen, Trockenphasen und Witterungsextremen die Wachstumsbedingungen für die Waldbäume derzeit stark verändern.
Steckhölzer werden zu Eltern der nächsten Wildbirnen-Generation
Vor kurzem haben Thomas Bauer, Tobias Schropp (Fachstelle Waldnaturschutz Niederbayern) und Judith Knitl (Fachstelle Waldnaturschutz Oberpfalz) von den Birnbäumen mit dem höchsten Anteil an „Wildbirnen-Genen“ Steckhölzer gewonnen. Sie berichten: „Die Steckhölzer werden in geeignetem Substrat bewurzelt und anschließend vom Amt für Waldgenetik zur Anlage von kleinen Samenplantagen verwendet; diese dienen der Gewinnung von Saatgut, um daraus Jungpflanzen für die Waldwirtschaft heranzuziehen. Samenplantagen haben mehrere Vorteile: unter kontrollierten Bedingungen kann der hohe Anteil der „Wildbirnen-Gene“ erhalten werden und das Ernten der Früchte und Samen ist deutlich einfacher als bei wild wachsenden Birnbäumen.“
Ziel des Projektes ist, die genetische Vielfalt der Art „Wildbirne“ zu sichern und die Nachzucht von Pflanzgut einer Baumart zu verbessern, die mit dem Klimawandel voraussichtlich gut zurechtkommen wird.
Mit dem Wildbirnenprojekt gewinnt zugleich der Waldnaturschutz, der Erhalt natürlicher genetischer Vielfalt und der Waldumbau zu trockenheitsresilienten Wäldern – damit wir uns noch lange Zeit an der Blüte der Wildobstarten im Frühling freuen können.
Steckbrief der Wildbirne
- bedornte Zweige
- runde Blätter
- kleine, runde Früchte
- würfelige bis längsrissige Borke
- baum-, aber auch nur strauchförmig
- nährstoff- und basenreich
- trockene bis frische Standorte
- wärme- und lichtliebend
- konkurrenzschwach
- mit Ausnahme skandinavischer Länder in ganz Europa verbreitet
- lichte Eichenwälder, Auwälder und an Waldrändern und Hecken
- meist auf warme, flachgründige Grenzstandorte zurückgedrängt
- in Niederbayern am Donaurandbruch, in den Isarauen, im Jura um Kelheim
- hochpreisiges Wertholz als „Schweizer Birnbaum“ für Möbel, Furniere, Intarsien, Musikinstrumente oder im Kunsthandwerk
- Imitat für Ebenholz
- in der Heilkunde, z. B. Blütentee
- trockenheitsresistent
- starke Pfahlwurzel
- heimische Baumart
- seit Jahrtausenden angepasst
- Erhalt und Förderung der Baumartenvielfalt im Wald
- hoher ökologischer Wert für Insekten, Vögel und Säugetiere
- weiße Blüte im Frühjahr
- rote Herbstfärbung
Ansprechpartner für das Wildbirnenprojekt
Tobias Schropp
AELF Landau a.d.Isar-Pfarrkirchen
Anton-Kreiner-Straße 1
94405 Landau a.d.Isar
Telefon: 09951 693-5453
Fax: 09951 693-5555
E-Mail:
poststelle@aelf-lp.bayern.de
Judith Knitl
AELF Amberg-Neumarkt, Dienstsitz Amberg
Lechstraße 50
93057 Regensburg
Telefon: 0941 2083-2023
Mobil: +49 173 5730740
E-Mail:
poststelle@aelf-na.bayern.de
Die Initiative Zukunftswald in Bayern
Die Initiative Zukunftswald in Bayern will Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer dabei unterstützen, die eigenen Wälder klimafit zu machen. Dazu hat das Staatsministerium einige Projekte auf den Weg gebracht.
Initiative Zukunftswald Bayern - Staatsministerium